Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Ein Haus in Berlin
(Erzählungen 2019)
(ISBN 978-3-939939-07-8)

Buchgestaltung und Fotoessay
von Volker Blumenthaler



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Hörprobe



Text:

Nacktfoto

Es war ein langgehegter Wunsch von ihr.
Ihre Mutter, die Tante, ihre Schwester mit den beiden jungen Töchtern
und sie. Auf einem Foto. Nackt.
Eine Spanne von fast sechzig Jahren. Jugend, Mittelalter und Alter.
Zwanzig die Jungen, bald achtzig die Alten.
Ohne Scham, mit Stolz und allem Anspruch auf Glück. Aus Anlass ihres
runden Geburtstags wollte sie die Sache angehen.
Es sollte das Geschenk der Frauen an sie werden. Sie würde die Kosten
gerne tragen. Die Nacktheit wäre ein Geschenk, zu dem sie furchtlos
das Ihre beitragen wollte.
Die ältere Schwester sah noch nicht ein, wozu das gut sei.
Die Mutter war noch nicht gefragt worden. Die Tante tanzte,
trotz ihres Alters, oft immer noch nackt auf der Bühne.
Im Rahmen immer neuer Performances.
Die schönen Töchter der Schwester, ob sie mitmachen würden?
In Berlin musste es sein. Nur in Berlin.
In einem Atelier, vor einer schwarzen Wand. Ohne Accessoires.
Nur mit ihrer Nacktheit.
Mit ihrem Stolz und ihren kleinen Bedenken.
Klein waren diese für sie. Sie wollte sich ihrem Alter stellen.
Nackt. Und die Mutter? Bald achtzig. Auch hier hatte sie keine
Bedenken. Das Fleisch ihrer Mutter konnte man zu Markte tragen.
Es war mehr als eine Ware, war Leben und Tod. Glück und Leid.
Freiheit und Angst.
Sie kannte eine gute Fotografin in Berlin.
Es musste unbedingt eine Fotografin sein. Sie freute sich
bei dem Gedanken daran, dass alle Beteiligten mit kleinem Gepäck
anreisen würden. Um beim Packen für diesen Kurzaufenthalt dann
immer mehr einzupacken.
Dies noch und jenes, als bedürfe der Grad ihrer Nacktheit immer
weitere Gegenstände, um sie zu beschützen.
Manches davon würden sie wieder auspacken.
Sie sah alle Beteiligten sternförmig mit ihren Rollkoffern auf das
Hotel zusteuern und freute sich.
Als sei der Akt des Fotografierens ihre zweite Geburt. Ihr ging es
nicht um Schönheit, nicht um die beste Position, den Leib zu
präsentieren. Es ging ihr um die Kraft der nackten Frauen, die sie
in das Foto einbrächten.
Eine neue Art der Zusammengehörigkeit.
Füreinander und für sich selbst.
Das reife Fleisch von Mutter und Tante verband sich
mit dem der immer noch jung Gebliebenen, die durch Sport, Yoga,
Laufen und Sportstudios immer noch gut im Rennen lagen und mit
en Körpern der jungen Frauen in eine Konkurrenz traten, die keine
mehr war. Sie bildeten eine Einheit.
Eine Kraft, die drei Lebensabschnitte zu einem verband: der der
Familie. Wenn auch bloß von deren weiblichen Teil.
Oder gerade deshalb?

Aus WINTERREISE

9.
Warum wanderte er?
Auch er musste eine Trennung überwinden. Nach sieben Jahren.
Er hatte gedacht, dass es ein Leben lang trüge.
Ihn traf mehr, dass er einem Trugschluss erlegen war.
Der Partnerin machte er keinen Vorwurf. Weder ihr noch sich selbst.
Es hatte nicht funktioniert. Man ging freundschaftlich auseinander.
Aber eine Enttauschung blieb doch. Das Leben spielte mit anderen
Karten. Das As im Jackenärmel, dass einen schützen sollte, war
wertlos. Hier wurde mit Karten gespielt, deren Regeln er nicht
beherrschte. Jemand trieb sein Spiel mit ihm.
Mehr als der Wind in den Wäldern der Vogesen und in den
Weinbergen des Elsass.

10.
Als er an eine Herberge kam, fühlte er, dass seine Freiheit ein Ende
gefunden hatte. Sein Bett holte ihn in die Zivilisation zurück. Er war
umstellt von vielen Helfern des Alltags. Die Utensilien bedeutetem
ihm, du bist wieder zurück. Das gute Leben hat dich wieder.
Und du bist dankbar dafür. Bist nur zu gerne bereit, dich zu ergeben.
Die Freiheit eines Wanderers gegen die Freiheit der Dinge
einzutauschen, die das Leben angenehm machen.
Als er den Gastraum betrat, lief im Fernsehen ein Bericht über die
Entführung Hans-Martin Schleyers.
Man wusste bereits, dass sich die Entführer mit ihrem Opfer
im Elsass aufhielten.
Er wunderte sich, dass ihn die Wirtin nicht bei der Gendarmerie
angezeigt hatte. Schließlich war er aus dem Wald gekommen. Sie hatte
ihn kommen sehen. Nach dreieinhalb Tagen dort auch nicht mehr ganz
zivilisiert. Er hatte einen Armeerucksack auf dem Rücken, sprach
deutsch, hatte das richtige Alter. Lange blonde Haare und blaue
Augen.

11.
Er hätte es der Wirtin nicht einmal übelgenommen.
Schließlich war er kein Freund der RAF. Doch sprach manches dafür,
dass er vielleicht zu ihr gehörte.
Hätte die Wirtin gewusst, wie nahe sie alle dem Versteck der
Terroristen waren, sie hätte ihn angezeigt, da war er sich sicher.
Aus dem Wald seiner Freiheit kommend, wäre er verhaftet worden.
Er wäre dann vom Wandern gekommen, vom Wandern.

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