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Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Sneakers und Blutbuchen
(Erzählungen 2025)
(ISBN
978-3-941072-34-3)

Buchgestaltung und Fotos
von Volker Blumenthaler



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mit Rechnung und portofrei




Hörprobe: Sneakers und Blutbuchen





Text aus
Sneakers und Blutbuchen

Sneakers 25 Blutgrätschen
VIII.
Von klein auf liebt er Blutbuchen. Wenn das Sonnenlicht
in ihnen spielt, ist es wie ein Kosen, ein Fest der Sinne,
eine
Einladung ins Glück. Im heimischen Schlosspark
stehen
Blutbuchen, doch eine hat es ihm besonders
angetan. Frei
stehend, ein Titan. Ihm scheint, dass der
mehr mit dem Licht spielt, als das Licht mit dem Titan.
Der würde noch leben, wenn er bereits längst tot wäre.
Als Garant, dass Kraft und Schönheit blieben, wenig-
stens in dieser Blutbuche. Alterslos wie die Pyramiden,
den Menschen zur Freude. Jeden Morgen dreht er seine
Runde im Park. Vom Chefgärtner eigens mit einem
Schlüssel versehen, kann er, die laute Straße meidend,
urch ein Türchen den Park betreten und zum Hauptein-
gang spazieren, ohne erst die laute Straße nehmen zu
müssen. Die Frische des Morgens, die gute Luft, das
Glück, trotz seiner fast achtzig Jahre rasch durch den
Park zu gehen. Mehr eilend als spazierend. Dann er-
reicht er stets sein
„Sahnehäubchen“, die riesige Blut-
buche, der er sein „Guten
Morgen“ zuruft, als sei sie
ein Jagdkumpan oder eine alte Freundin.
Doch im
Laufe der letzten Jahre bemerkt er eine
schleichende
Schwächung des Baums, der zunehmenden Trockenheit

wegen. Beschwört den Chefgärtner, diesem Baum mehr
Wasser zu geben, damit er nicht noch am Ende vor ihm
stürbe. Der Baum musste ihn überleben, als lebe er in
ihm
weiter, im „Titan“, dem so schnell nichts und nie-
mand etwas anhaben durfte. Dieses Jahr aber ist es
besonders schlimm. Der Baum
schwächelt, die Blätter
hängen nur schwach am Ast, trock
nen aus. Er beschwört
den Gärtner, ihn nicht eingehen zu
lassen. „Wir sind nur
noch zwei Gärtner, wir schaffen das
nicht, zumal wir
noch zwei weitere Schlossgärten zu betreuen haben.
Und ab morgen dürfen wir nicht mehr wässern. Es tut
mir leid.“

XV.

Es wird heißer, immer heißer. Irgendwann erginge es
den
Menschen wie gerade den Fischen in der Oder. Sie
würden
ersticken. Hoffentlich würde er es nicht
mehr erleben.
Doch es würde knapp werden, wenn er
ein hohes Alter erreichte. Am Ende des Lebens zu ersti-
cken zum Dank dafür, dass er ordentlich dazu beige-
tragen hatte, dass das Klima gekippt war. Ein Danke-
schön für seinen Fußabdruck im
Klima, für sein zu
mattes Engagement, für seine Trägheit.
Und er hatte
doch alles besser machen wollen, als er jung war. Mit
Kraft und dem festen Glauben an das Gute. Dann re-
signierte er, verfolgte nur noch die Politik, zog seine
Schlüsse. War enttäuscht von den zehn Jahren sei
ner
Jugend, die er den Menschen geschenkt hatte. Dar
ge-
bracht wie eine kostbare Frucht, die kaum jemand
hatte
haben wollen. Ein Geschenk an die Menschen,
das nur sehr wenige interessierte. „Geht doch rüber",
hörte e
r so oft, dass er auf keinen Fall hätte rüber-
gehen wollen
, allein schon aus Trotz nicht. Nun das
zu erwartende Ende derer, die nicht hören wollten
und wollen. „Es geschieht uns recht“, sagte er sich,
„wir hatten unseren Spaß, mehr oder weniger, die
Reichen mehr. Nun bringt uns der Kellner die Rech-
nung, die der Sturm wegfegt, sodass wir sie nicht
mehr
bezahlen können, selbst wenn wir das Geld
dafür hätten.
Werden weggefegt, sterben den Tod
im verdorrten eigenen
Garten. Das leere Glas noch
auf dem Gartentisch.
Vornüber-gebeugt das Knochen-
gerüst, aufgestützt am Tisch.“ Bis der Kellner die
Rechnung noch einmal bringt, sie ihm nachträglich
zwischen die knöchernen Finger steckt und mahnt,
doch bitteschön das Trinkgeld nicht zu vergessen!

Stadtgänge ohne Menschen

In Rom wäre die Lage immer noch ein wenig chaotisch.
Staub in den Straßen, falsch geparkte Autos, alles wie
immer. Das Kolosseum wäre froh nach den vielen Tö-
tungen in der Arena nun keine Touristen mehr sehen zu
müssen. Der Monte Pincio genügte sich endlich selbst,
er wüsste, wie schön der Blick von ihm aus war, den er
endlich nicht mehr mit den Menschen teilen müsste.
Aber dann hörte man die Tritte schwerer Schuhe.
Schwarzgekleidete Gesellen näherten sich Rom. Die
Götter hätten sich bei ihrer Besuchsplanung im Tag
ver-tan. Genau vor mittlerweile doch schon fünfhun-
dert Jahren waren einige Schwarzhemden auf Rom zu-
marschiert, während sich Mussolini feige in der Nähe
der Schweizer Grenze aufgehalten hatte, für den Fall,
dass die Sache schiefgegangen wäre. Die Götter träfen
auf die Untoten und zögen sich verschreckt zurück.
Beobachteten aus der Sicherheit ihres Verstecks heraus
das Treiben. Kopfschüttelnd. „Unangenehme Leute“,
sagten sie, „dieser verdammte achtundzwanzigste Ok-
tober“, murmelte Zeus, doch Mars zuckte bloß die
Schultern.Sie hätten sich auf Rom gefreut, trotz der
dortigen Götter. “Ich bin euer Anführer“, spräche
Zeus zu ihnen, „wozu soll man andere Götter neben
mir haben?“ Wenigstens träfen sie bisher auf keinen
von denen. Die schwarzen Horden erreichten ihr
Ziel. „Und seht“, riefe Zeus plötzlich, „sehe ich da
nicht Jupiter applaudieren?“ Zeus dächte dann an
Giorgia M. zurück, die ihm zwar gut gefallen hätte,
bei der er sich damals aber beherrscht hatte, denn
das wollte er Europa schließlich doch nicht antun.