Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Welt der Spiegel
(Erzählung 2004)
(ISBN 3-9804715-5-1)




Hörprobe

Text:

Im Garten

Midas erblickte "Nimrod". Er dachte sogleich an einige Walderlebnisse
aus der letzten Zeit. Wo er als Wanderer ein Sausen hinter sich in der
Luft vernommen hatte und dachte, so könnten leichte Kriegsgeschosse
im 1. Weltkrieg geklungen haben, und gerade noch im letzten Moment
instinktiv hatte zur Seite springen können.

Dann waren Krieger auf Bikes, gleich dem eines "Nimrod", an ihm
vorbeigezischt. Mit schmerz- und hasserfüllten Gesichtern, wie es ihm
schien. Sie zogen in einen Krieg, dachte Midas erschrocken. In den,
welche die Freizeitindustrien anbefohlen hatten, und in den sie, mit
Sturzhelmen, Spezialausrüstungen und in zunehmendem Maße mit
aufgepackten Mehrfachmotorisierungen auf speziellen Autoaufbauten
zogen, denen als bigotter Gipfelpunkt auch noch Fahrräder beigemischt
waren.

So fuhren die Freizeitkämpfer in ihren Trainwagen als Freiwillige einer
Freizeitarmee, die hasserfüllt -auf sich, auf die Familie und auf die
ganze Menschheit- in Freizeitkriege zogen, damit sich endlich ein Ende
abzeichnete, der Freizeittod, der sinnvollste, den der einzelne noch
erleiden konnte, als Alternative zu Bürotod, Arbeitsunfall, ernährungs-
bedingtem Herztod oder der Nichtbeförderung.

Demnächst sähe Midas auf Camping-Bussen noch den Heim-Trainer in
Gestalt eines weiteren Fahrrades stehen. Doch die manchmal sogar
beim Radeln zeitungslesenden Heimradfahrer in deutschen Bädern,
auf Balkonen, in ausgebauten Waschküchen neben den schon etwas
in die Jahre gekommenen Partykellern waren ein weiteres Kapitel,
das Midas bloß im Angesicht "Nimrods" für den Moment nicht
interessierte.

Der Hass in den Gesichtern der Radfahrer hatte Midas erschreckt.
Hasserfüllt hatte nun auch er den Kerlen nachgeblickt, die ihn glatt
überfahren hätten, wäre er nicht beiseite gesprungen. Schließlich war
Midas fluchend weitergegangen. Selbst der durch die gefährliche
Abfahrt bedingte Schrecken in den Gesichtern der Bikefahrer hatte
Midas nicht gerührt. Selbst noch ihr Schreck dünkte ihm das Privileg
von Satten zu sein, die den Hunger suchten, ohne ihn ertragen lernen
zu wollen.

Auch am Sonntag zuvor, auf einem ausdrücklich als Fußweg
ausgewiesenen Spazierweg am Rhein entlang, erlebte Midas das
Gleiche. Mehr Radfahrer als Spaziergänger machten den Gang auf
dem schmalen Weg zu einem freizeitlichen Kriegserlebnis. Die
Beschimpfungen beider Parteien steigerten sich bis hin zu An-
rempelungen und ersten Schlägereien. Auch im Fußgänger entlud
sich plötzlich ein Hass auf die Radfahrer, die ihm die Möglichkeit,
als Fußgänger unbehelligt in der Natur zu existieren, nahmen.

Nur noch in Wohnung, Büroturm, Toilette, Konzertsaal oder im
Museum blieb er vor ihnen geschätzt. Noch, sagte sich Midas. Die
Museumspädagogik findet auch noch zum Radfahrer und umgekehrt.
Alle hatten wieder einen Feind, dachte er.

Aber, dachte Midas auch, wo der Freizeittod den "Heldentod" der
Weltkriege ersetzte, blieb der Freizeitkrieger auf ewig ein Freiwilliger,
der immer aufs Neue in den Krieg zieht, ohne daraus zu lernen. Dessen
Ausrüstung sich immer weiter vervollkommnete. Der immer belesener
hinsichtlich seiner Freizeit und der Angebote dafür wurde, und der die
Vervollkommnung der Datenbanksysteme zu Vernetzungen seines
ouristischen Bewusstseins nutzte, das in den Krieg will, heute in den
der Freizeit, koste es was es wolle.

Midas aber blieb nur eine Wut, ob er sie sich nun wünschte oder nicht.
Am liebsten hätte er "Nimrod" am Lenker gepackt und zu Boden ge-
chleudert. Statt dessen fragte er Hannes höflich nach dem gerade
stattgefundenen Einsatz "Nimrods" und hörte sich interessiert den
Fahrtbericht hierzu an.


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