Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Ich bin so schön
(Erzählung 2006)
(ISBN 3-9810365-2-2)





Hörprobe

Text:

Sommerliche Blattsalate

Die Tage, an denen Cleo, Zoe, Cora und Caro keinen Salat aßen,
waren im jahreszeitlichen Rhythmus so selten, dass sie der Aufzählung
nicht lohnten. Selbst Tage, an denen sie nur einmal Salat aßen, waren
rar, sodass man sagen konnte, nur Tage, an denen sie keinen Salat
aßen, bedurften einer besonderen Erwähnung.

Meist waren dies Tage der Schwäche, der Niederlagen, der Frustration.
Oder aber der Ausgelassenheit, die es ihnen dann ermöglichten, die
restlichen Tage des Jahres, des Lebens, also die Salattage, überhaupt
erst zu bewältigen. Diese wenigen Stunden rückhaltlosen Genusses,
ganz gleich, worin er dann bestand, konstituierten so etwas wie ein
kulinarisches Korsett, um sich mit dem letzten verschlungenen Bissen
wieder der Salatexistenz bewusst zu werden, die nun die nächste Zeit
wieder bestimmen würde, bis zum nächsten Exzess, der wieder bewusst
machte, dass man für Stunden des Salatblattes nicht bedurfte, um
wieder einen herzhaften Urbiss zu verspüren, der zeigte, warum man
überhaupt Eck- und Schneidezähne besaß, und der einem beglückend
offenbarte, dass dieses Leben auch kulinarisch schön sein konnte,
wenn auch nur für Stunden und dann mit der dann sofort einsetzenden
Reue nach dem letzten genossenen Bissen belastet.

Diese seltenen Stunden eines mediokren Glücks, denen sie nie ganz
ichtig trauten, wussten sie doch um die mitunter verheerenden Aus-
wirkungen auf der Waage, sie waren es, die sie überhaupt erst zu
sozialen Wesen machten, glich doch das tägliche und generalstabs-
mäßig betriebene Verzehren von zumeist gemischten Blattsalaten so
sehr einer rituellen Handlung, die alle anderen Esser ausgrenzte, als
seien die Salatesserinnen gleichsam das auserwählte Volk Gottes und
der Rest der Esser tumbe Sünder, die es niemals verstünden, zu dem
Kreis der dauerhaft Verzicht leistenden Frauen zu gehören, die allein
dadurch einzig waren, dass sie, letztendlich gegen ihren innersten
Willen, täglich Blatt um Blatt jene Schlankheitshostien zu sich nahmen,
die, wenn sie dereinst eine ehrliche Lebensbilanz ziehen würden, zu
nichts weiter geführt hatten, als dass sie zwar schlank blieben, aber
angefüllt waren mit unerfüllten Wünschen und Hoffnungen. Letztend-
lich griffen deshalb so viele Schwestern der Salatblatt essenden Zunft,
zumeist schwarz gekleidete "Dünnchen", immer häufiger und mit immer
größerer Inbrunst zur Zigarette, gleich nach dem Essen des Salates,
und saugten immer tiefer den Rauch der Zigaretten ein, als gälte es,
sich für dsie entgangenen Freuden des Lebens schadlos zu halten,
indem man sich ein Stück weit selbst zerstörte, und dem Körper das
wieder nahm, was man ihm glaubte mit den Blattsalaten schenken zu
können, nämlich Unversehrtheit und ewige Schönheit und Jugend.


So sehr konnten sie sich Tag um Tag rauschhaft der gemischten
frühlingshaften, sommerlichen, herbstlichen oder winterlichen Blatt-
salate hingeben, dass ein neutraler Zuschauer zu dem Urteil gelangen
konnte, hier handele es sich um das Lebensglück ansonsten zu kurz
Gekommener, die wenigstens so tun durften, als seien sie glücklich
damit, und die einander eine Inbrunst von Essern vorgaukelten, die
sich versammelt hatten, um die ausgewählten Salate gemeinsam zu
verzehren, vermischt mit Wasser aus kleinen oder großen Flaschen,
die das Keusche des Vorgangs noch besser zum Ausdruck bringen und
uns das Entscheidende vorenthalten sollten: die unkeuschen Gedanken.

Konnte es denn nicht sein, dass mit jedem genossenen Salatblatt die
allgemeine Fleischeslust anstieg, da die Körper genau das haben
wollten, was man ihnen so sorgsam vorenthielt, eben den fleischlichen
Genuss, der sich nunmehr gänzlich dem männlichen Körper im Geiste
zuwandte und am Ende genau deshalb des keuschen Salatblattes be-
durfte, um unkeusch beim idealen Manneskörper anzulangen, der,
besonders, wenn man dazu auch noch stilles Wasser trank, nicht bloß
idealtypisch schön vor dem inneren Auge stand, sondern auch noch
etwas Greifbares war, in das man, nach der genossenen Zigarette,
am Ende vielleicht doch noch seine Zähne würde hineinschlagen
können?

War das am Ende der wirkliche Grund, sich des Salatblattes zu
bemächtigen, es kultisch zu überhöhen, um der tiefsten gedank-
lichen Fleischeslust zu frönen, indem man, Blatt urn Blatt, sich
dabei der idealen männlichen Schönheit bediente, die man ja
freulicherweise nicht zu sich nehmen musste und man daher
chlank bleiben und somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen
konnte?

Waren am Ende die Frauen wieder einmal die Schlaueren?

Doch warum dann die Tage, an denen sie das Salatblatt mieden
wie der Teufel das Weihwasser? Weil sie an diesen wenigen Tagen
des Jahres kein Fleisch mehr vor dem inneren Auge sehen konnten,
und sich die verschmähten idealen Körper der schönen Jünglinge
plötzlich in gut gegrillte Steaks verwandelten, die, indem man sie
aufessen konnte, es ihnen ermöglichten, einmal ganz keusche
Gedanken zu haben, Bissen um Bissen, ganz gleich ob blutig,
medium oder well done.


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