Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze Leseprobe von
Die eigene Welt
(Erzählung 2009)
(ISBN 978-3-939939-01-6)

mit Zeichnungen
von Henri Hohenemser




Hörprobe

Text:

Schnitzel a la Holstein

I
Wann hatte sein Abstieg begonnen? Etwa seit des Malheurs mit
dem Dackel?

Dessen Frauchen drängte, er möge sich für ein Wochenende des
Hundes annehmen, bis er nachgegeben hatte. Er war dann mit
einigen Manuskripten und dem Hund in einem Hotel abgestiegen,
um vieles abzuarbeiten.

Der sonst eher behäbige Dackel lief nach dem Einchecken so rasch
in den Hotelaufzug, dass sein ungeübtes Ersatzherrchen der „Flexi
Control Compact 2“-Leine nicht schnell genug zu folgen vermochte.
Die Türen des Aufzugs schlossen sich: im Aufzug der Dackel, er
draußen mit dem Rest der Leine.

Diesen Blick des Tieres wird er nie mehr vergessen. Der letzte Blick
zwischen Herr und Hund, zwischen Schutzbefohlenem und Versager.
Er wäre für den Tod des Hundes verantwortlich. Der Aufzug bewegte
sich bereits nach unten.

Der Hund erinnerte ihn an ein Fresko von Goya aus dem Prado: eines
der „Schwarzen Bilder“ des Meisters. Auch dort würde ein Hund
sterben, der langsam zu verschütten drohte. Den Hundeblick im
Prado hatte er damals in sein Leben eingelassen. Das Erstaunen des
ieres, das ahnt, dass ihn kein Herrchen mehr wird retten können. Der
Hund erfasst alles in jenem Moment. Damals stand er lange vor dem
Tier Goyas. So lange, bis er sich am Ende noch selbst für schuldig hielt.
Damals hatte sein Abstieg begonnen!

Nun hatte er wieder vor einem Hund gestanden, vor einem echten. Sein
Blick glich zwar nur wenig dem des Goyaschen, doch erneut blickte er
tief in ein Hundeauge. Diesmal als ein definitiv Schuldiger.

Dieser Moment, in dem sich die Aufzugstüren vor seinen Augen schlossen
und ihn ein vermeintlich letzter vorwurfsvoller Blick des Dackels traf -
er brannte sich tief in sein Bewusstsein ein. Von nun an hatte er eine
Schuld auf sich geladen. Und wie sollte er das den Besitzern des Tieres
erklären?

Er fühlte, wie sich die Leine spannte. „Nun wird er gleich tot sein“,
dachte er. Das Zimmermädchen, das alles miterlebt hatte, schrie auf.
Da riss die Leine. Und sie eilten dem Hund nach, vier Stockwerke nach
unten.

Das schnellere Zimmermädchen rief: „Die Tür geht nicht auf.“ Als auch
er endlich angekommen war, bewegte sich der Aufzug bereits wieder
nach oben. Sie folgten, diesmal drei Stockwerke.

„Er öffnet sich wieder nicht“, greinte das Zimmermädchen, als sich
Hund und Aufzug bereits wieder nach unten in Fahrt setzten. Doch
diesmal blieben sie bereits nach einem Stockwerk stehen. Die Türen
öffneten sich, ein verstörter Dackel blickte ihn beleidigt an. Diesen
Blick verglich er mit dem des Hundes im Prado.

Während der Goyasche Hund jedoch unter der Hand des Meisters
ozusagen über letzte Dinge nachdachte, schien ihm dieser verwöhnte
Stadthund eine Parodie auf den Hund des Meisters zu sein. Er musste
lachen, bis ihn das Zimmermädchen an seine Pflicht gemahnte, er
das verängstigte Tier auf den Arm nahm und es diesmal langsam die
reppe empor trug.

Dann brach er, statt in seinen Manuskripten zu streichen, fluchend auf,
um eine neue „Flexi Control Compacct 2“ zu erstehen. Die hatte sich
wenigstens bewährt.


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