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Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Der eiserne Hain
(Roman 2001)
(ISBN 3-9804715-9-4)




Hörprobe

Text:

Er dachte an Chopin, der, so sagte man, nichts als ein wenig Ei und
Spinat zu sich genommen habe.

Plötzlich empfand Rayski einen Unwillen gegen die Orgelmusik. Sie
war provozierend rein, an geweihtem Ort, mit sogar noch andächtig
hüstelnden Zuhörern. Er wusste nicht, ob die Erfüllung seines Ideals
nicht einer freiwilligen Grablegung glich, wo der Verstorbene verzwei-
felt mit dem Sargdeckel rang? Klappte er ihn zu, war es ihm zu dunkel,
drückte er ihn hoch, zog es ins Gebein. Was also wollte er?

Konnte er nicht einfach die Musik genießen? Würde das Chopinsche Ei
ihm nicht sauer aufstoßen und der Spinat der Kindheit seinen Tribut
fordern, kurz, würde er sich nicht erbrechen müssen bei dieser Art von
kulinarischer Zusammenstellung, die sein Leben ausmachen sollte?

Spinat und Ei! Aß denn Chopin nicht vielleicht des Nachts heimlich
Schinken, um sich für den nächsten Spinattag zu stärken? Oder war
Chopin vielleicht daran gestorben, dass er es nicht länger hatte er-
tragen können, sich auf Ei und Spinat zu beschränken, um vor der
Welt und in ihr rein zu sein?

Wenn sich die Reinheit Chopins sogar bis auf das hin erstreckte, was
er zu sich nahm, wenn Ei und ein wenig Spinat das Eintrittsbillett für
den Parnass waren, dann konnte er, Rayski, gleich zur Schinkensemmel
greifen, sofern er das Geld dafür besaß.

Mit welchem Recht schrieb ihm Chopin sogar noch vor, was er zu essen
hatte? Musste man gleich ein Rossini werden, wenn man eine anständige
Mahlzeit zu schätzen wusste? Vielleicht speicherte Chopin ja den Spinat
in einen Backentaschen und spie ihn wieder aus, sobald er alleine war?
Herrgott, er wollte doch rein sein! Wenn dies aber nur über die Rein-
heit äußerster Askese führte, dann war er, Rayski machte sich nichts
vor, gezwungen, wie Chopin früh zu sterben.


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