Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Canin Royal Adult
(Erzählungen 2010)
(ISBN 978-3-939939-02-3)




Hörprobe


Text:

I
Sie brachte Schuhe zum Schuster. In ihnen steckte nicht allein das
viele Geld. Auch die zahllosen Kilometer bis zum Kauf und hunderte
von Erwägungen und Bedenken. Genau genommen, gehörten die
Schuhe nicht bloß ihr und der Bank.
Sie gehörten zu ihr wie der Fluch zum Leben. Sie repräsentierte nicht
nur die Marken, diese ergaben vielmehr einen fußläufigen Abdruck ihrer
Person und ihres Bankkontos. Sie bezahlte auch nicht allein mit ihrem
guten Namen. Der hatte bereits den von Schuhen angenommen, so fest
rat sie mit ihrer Unterschrift auf. Man meinte, den Geruch von Leder
zu riechen, wenn sie beim Kauf mit ihrem Namen zeichnete. Sie waren Wunderwerke. Als ginge sie mit zwei Partnern aus, wenn sie in ihre
Schuhe geschlüpft war. Ein Mann wäre auf sie eifersüchtig gewesen.
Die perfekte Passform schenkte ihr ein Glück, unabhängig von jeder
Waage, das kein Partner ihr bieten konnte.

XXVIII
Sie badeten am Ufer des Sees: die Eltern, ihre Schwester, Mann und
Sohn. Sie fotografierte ihre Lieben, die neue Kamera brachte alles
scharf ins Licht. Mammi und Papi, den Sohn, die Schwester, alle hatte
sie schon fotografiert, es fehlte nur noch ihr Mann. Er trug seine neue
rote Badehose.
„Sie steht ihm ganz gut“, befand sie und machte die Kamera fertig.
„Wie er so dasteht, das Handy am Ohr und so gar nicht bei uns, gar
nicht wirklich im Urlaub, mit der Badehose getarnt, um scheinbar zu
uns zu gehören, tatsächlich um bessertelefonieren zu können. Ein
getarnter Handyurlauber“, dachte sie, „der bei seinerFamilie ist,
und dabei ganz dem Beruf gehört.“ Sie hob die Kamera, sie hatte
ihn im Visier, sie brauchte bloß noch abzudrücken. Doch er würde
nicht umfallen, stünde weiterhin eifrig telefonierend in seiner neuen
roten Badehose. „Warum soll ich abdrücken?“ dachte sie. „Ich habe
doch hunderte solcher Fotos.“ Sie schoss sie seinerzeit auf Bali, auf
Korfu, in Italien, in Frankreich und in vielen anderen Ländern und auf
allen Kontinenten. Immer stand er in einer Badehose da. Mal stand sie
ihm besser, mal weniger gut, manchmal trug er eine Jeans, manchmal
einen Anzug. Stets aber hatte er sein Handy am Ohr, auf jedem Ur-
laubsphoto. „Drücke ich bloß immer dann ab?“, dachte sie. Nein, er
telefonierte einfach immer. Sie ließ ihre Kamera sinken. Sie wollte
kein weiteres Foto mehr von einer Badehose und einem Handy am Ohr.


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