Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Requiem auf eine Hand
(Erzählungen 2013)
(ISBN 978-3-941072-12-1)

Fotoessay
von Volker Blumenthaler




Hörprobe

Text:

Seite 9:

Die Freude, entdeckt zu haben. Das Forscherglück. DesJägers. Meines.
Ich hielt einen Brief in Händen. Gutes, altes, dickes Papier. Die Feder
konnte leicht in das Papier eindringen. Mit der Tinte, die eine nun neue
Wahrheit in die Welt kratzte. Die sie zwar nicht veränderte, aber dem
Narzissmus des Forschers frönte. Der Sehnsucht nach fünfzehn Minuten Unsterblichkeit. Die auch länger anhalten konnte, Tage, Monate, als
Meldung in Zeitungen, Fachblättern, in Universitätsseminaren, auf wissenschaftlichen Kongressen: Lorenzo da Ponte hatte für Wolfgang
madeus Mozart ein weiteres Libretto geschrieben! Nach „Hochzeit des
igaro“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ nun „Requiem auf eine
and“. Kein Requiem, wie es der Titel besagt, sondern eine Oper,
surreal, wie viel später etwa Dimitri Schostakowitschs „Die Nase“
nach Nikolai Gogol. Und kein geringerer als Casanova bestätigte dies,
er Brief liegt in meinen Händen. Ich lese ihn eins ums andere Mal.

Seite 41:

Er hatte wieder geflucht. Obwohl es sein fluchfreier Tag war oder
hätte werden sollen. Jetzt musste er auch den nächsten Tag noch
dranhängen. Konnte er nicht einen Tag ohne leben, hätte er jetzt
nur zu gerne geflucht, ohne darunter zu leiden wie ein Süchtiger
ohne Stoff? Es hatte sich gebessert, vor allem, seit er begonnen
hatte zu fotografieren. Das Blässhuhn, der Haubentaucher, alle
Enten und Hühner dieser Welt waren sein Ersatzstoff.
Doch selbst hier kreierte sein Leben noch so manchen Fluch, weil er
ich beispielsweise bewegt hatte, und das Blässhuhn auf dem Teich es
bemerkt. Es flog weg, so plötzlich wie sein Zucken. Natürlich schoss
er dem Tier fotografische Salven hinterher, vielleicht war ja etwas
Brauchbares dabei. Doch auf dem Teich hätte er das Tier nicht auf
der Flucht fotografiert, sondern im Frieden. Ihn suchte er. Er war
seine Hoffnung und Vorfreude.
Durch sein Zucken hatte er ihn gestört. Das Fluchen war für ihn
mehr als eine liebe Gewohnheit, war seelischer Ausdruck, gelebtes
eben. In ihm spürte er
sich wie der Glücksspieler beim Roulette, wenn endlich die Kugel rollt
und er hoch gesetzt hat. So sehr er sein Laster liebte, so sehr strafte
er sich dafür, wenn er ihm wieder gefrönt hatte. Denn es bedeutete
inen weiteren fluchfreien Tag. Dasselbe Theater begönne also wieder,
tatt frisch und frei morgen den ganzen Tag über herzhaft zu fluchen.

Seite 72:

Irgendwann wird er seine Themen abgearbeitet haben. Und die Bücher
iegen dann vor ihm auf dem Tisch, er ordnet sie in seine Bibliothek ein
und das war es dann. Es sind noch mindestens acht Bücher, die er
unbedingt schreiben will. Danach kann er tun und lassen was er will.
chreibt er nur das, wozu er dann vielleicht noch Lust hat. Die ihm
„auferlegten“ Bücher hat er hinter sich und damit auch weitgehend
ein Leben. Er ist dann vielleicht fünfundsiebzig Jahre alt. Danach setzt
ine Spielphase ein, in der er mit den Texten frei jongliert oder sie
besonders streng anordnet. Er weiß es nicht. Das wird das überraschen-
de daran. Vielleicht hört er auch zu Schreiben auf und trinkt nur noch
Wein. Was macht er, wenn er bereits mit 65 fertig ist, alle acht
Bände eingeordnet sind? Kommen neue Themen, und alles ginge weiter
wie bisher? Oder plant er bereits währenddessen schon weitere, ohne
ie er seine Arbeit nicht abschließen zu können glaubt? Dann gäbe es
nie diese freie Phase, nur noch spielerisch zu schreiben, so sicher und
frei, wie ein Kind malt oder wie ein alt gewordener Schriftsteller.


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