Stacks Image 8
Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Ein Piano im Garten
(Erzählung 2014)
(ISBN 978-3-941072-15-2)

Fotoessay
von Volker Blumenthaler




Hörprobe


Text:

Seite 47:
Max wusste bei seiner Flasche Lynch-Bages nicht, wollte er von
Verdun wieder weg oder nicht?
Immerhin saß er wieder im Sessel
in seinem Zimmer.Manchmal legte er sich hin. Dem Wein zu Ehren
wollte er aber unbedingt sitzen.
Seine lange Reise, er spürte es, verlief auf neuen Koordinaten,
abseits der alten Laufwege. Er wusste zwar nicht, wohin die Reise
ging, doch gerade davor fürchtete er sich. War das das beginnende
Alter?
Bisher hatte er sich nie vor einem Aufbruch gefürchtet. Weder in
Amerika noch in Europa. Doch er spürte, dass er es diesmal nicht
mit Kontinenten oder Ländern zu tun hatte, sondern mit etwas
Unbestimmten, das er nicht kontrollieren konnte.
Verdun und die Schlachtfelder hatten von ihm Besitz ergriffen und
dies gegen seinen Willen. Neulich vor dem Beinhaus, erkannte Max
beim Wein, hatte sich etwas in ihm verändert. Der Nebel, die
Düsternis des Orts, der Soldatenfriedhof, das hässliche und
drohende Ossuaire von Douaumont, all dies hatte ihn wie ein Schuss
getroffen.
Kam es, weil er da schon krank war oder kam die Krankheit, weil ihn
der Ort des Gedenkens krank gemacht hatte?
Max entschied sich für das Letztere, je weiter er die Flasche leerte.
Als er den letzten Schluck nahm, war er sich sicher: Das Beinhaus
hielt ihn in einem Bann.

Seite 52:
Am dreißigsten Juli 2013 abends betrat der Komponist Friedrich
den Perron von Verdun.
Im Gepäck hatte er auch einen Komposi-
tionsauftrag. Anlässlich der Einhundertsten Wiederkehr des Ausbruchs
des Ersten Weltkriegs sollte er ein Stück für großes Orchester
schreiben. Er war spat damit dran, die Zeit drängte, denn er war,
markttechnisch gesehen, „dritte Wahl“ sozusagen, eigentlich sogar
zehnte. Der berühmte Komponist, der für solche Anlässe stets gebucht
wurde, hatte überraschend wegen Arbeitsüberlastung abgesagt. Drei
Opernaufträge und vier große Orchesterstücke füllten sein Auftrags-
buch, die Kammermusik nicht mitgerechnet. Dazu versah er noch eine
Professur und viele Zusatz- und Ehrenämter. Trotz der vielen Schüler,
die schließlich manches abnehmen konnten, wurde es selbst ihm zu
viel.Er bedauerte dies, da er gern sehr laut komponierte, aber es ging
einfach nicht, da die Opernaufträge rechtzeitig kamen, die Politik aber
rst sehr spät auf die Idee eines großen Orchesterwerkes gekommen
war. Der Zweite, der im Ranking dran war und sich selbst natürlich als
der Erste gesehen hätte, verstarb unerwartet. Auch der Dritte verstarb.
Der Vierte lag krank darnieder und konnte nicht mehr. So war man auf
ihn gekommen, der eigentlich noch lange nicht an der Reihe gewesen
wäre, einfach, weil er der Jüngste unter den Alten war.
Die Zeit war verdammt knapp, niemand außer ihm hätte da noch
angenommen.

Seite 84:
Christian fiel sogleich die Stille in den Wäldern vor Verdun auf.
Eine ungeheure Stille lag über den Schlachtfeldern. Eine Ruhe, die
selbst die Vögel nicht brechen konnten. Ihr Gezwitscher betonte sie
gar noch. Als habe der Schlachtenlärm alles vorweggenommen,
und die Ruhe sei nun das Ergebnis des einstmals zu großen Lärms:
Er war aufgebraucht, nun regierte die Stille. Er war nach Verdun
ekommen, um eine Klassenfahrt vorzubereiten. Es war sonst nicht
eine Art, sich den Ort vorher anzusehen. Doch diesmal sah er es
anders. Hier schien Vorsicht angebracht. Er wollte nicht der Idiot
ein, der händeringend seinen mSchülern klarzumachen versucht,
sie seien nicht in einem Spaßbad, sondern auf einem Gelände,
uf das sich die Tragik des 20. Jahrhunderts begründete.
Er wollte wissen, worauf er zu achten habe, wie er die Schüler
gewinnen, sie interessieren könne, damit sie sich nicht wie Idioten
verhielten. Da er ohnehin auf dem Rückweg von einem Kurzurlaub
n Paris war, legte er hier einen Zwischenstopp ein. Verdun lag auf
dem Weg und Christian wollte auch einige Zeichnungen machen.
Er war noch nie in Verdun gewesen. Er dachte, das sei vielleicht
eine zeichnerische Herausforderung.
Er hatte sich in der Innenstadt eingemietet. Das Hotel hatte seine
ute Zeit gehabt, sein Restaurant war lange mit einem Michelin-Stern
ausgezeichnet gewesen. Jetzt galt es laut der Internetkommentare
als etwas heruntergekommen, aber für eine Nacht mochte es gehen.


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